Unsere fünf Highlights von der IA Konferenz 2018 in Berlin

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Die IA Konferenz gehört zu den wichtigsten Treffen der UX Community in Deutschland und stand in diesem Jahr unter dem Thema: „Prototyping Experiences“. Auf der Agenda waren interessante Speaker und spannende Vorträge über UX Design sowie Best Practices bei der Entwicklung von Prototypen, Mock-Ups und Wireframes. webit! war mit einem fünfköpfigen Team vor Ort. Uns interessierte besonders, welche neuen Prototyping-Technologien und -Methoden sich in Agenturen bewährt haben und inwieweit sich diese für unsere Kundenprojekte anwenden lassen könnten. Unsere fünf Highlights aus zwei Konferenztagen möchten wir hier kurz vorstellen.

Unser Team aus Kreativen und Projektmanagern auf der IA Konferenz

1. Fast Prototyping – Ein Designsprint in fünf Tagen

Fast Prototyping eignet sich eher für kleinere Features, dafür kommt man aber schnell zu einem vorzeigbaren Ergebnis. So das Fazit von Judith Schütze von Scholz & Volkmer, die am Case Deutsche Bahn App Bahnhof live das Vorgehen zeigte: abteilungsübergreifendes Arbeiten unter enger Einbeziehung des Kunden an einem Tisch und in einer Sketch-Datei. Der fertige Prototyp der App wurde nach einem fünftägigen Designsprint aus ebendieser Datei generiert, wobei auch die jeweils zugehörigen User Stories für jeden Entwicklungsschritt in Sketch angelegt wurden. Klingt nach einem intensiven aber auch effizienten Arbeitsprozess. Wir mögen dieses Vorgehen, weil hier alle Agentur-Gewerke wirklich zusammenarbeiten und der Kunde von Beginn an sehr eng in den Entwicklungsprozess eingebunden wird. Am Ende muss dann weniger nachjustiert werden.

Ablauf eines fünftägigen Designsprints

2. Virtual Prototyping – Nutzerfeedback ganz ohne
kostspieligen Prototyp

Der Grundgedanke dieses Verfahrens ist, dass man Produkte virtuell testen kann, ohne einen kostspieligen, physischen Prototyp bauen zu müssen. Enes Ünal von candylabs übertrug die Methode in die Welt der Online Services und zeigte am Case einer Serviceplattform für Bettwäsche (www.frischebettwäsche.de), wie das konkret in der Praxis aussehen kann. In diesem Fall wurde ein noch nichtexistierendes Produkt, nämlich der Bettwäsche-Service, auf einer einfachen Landingpage simuliert. Die Landingpage dient einzig und allein dazu, Nutzerfeedback einzuholen, welches dann die Entscheidung untermauern soll, das Produkt wirklich zu entwickeln, zu optimieren oder zu verwerfen.

Screenshot des Prototyps www.frischebettwäsche.de
Screenshot des Prototyps www.frischebettwäsche.de

Der Vorteil: Mit Virtual Prototyping kann ein erster Markttest schon stattfinden, noch bevor ein sogenanntes MVP (Minimum Viable Product) überhaupt entwickelt wurde. Weitere Vorteile sind, dass man schnell und einfach mehrere Testversionen zur Validierung verschiedener Thesen bauen und seine Entscheidungen letztendlich auf gewonnene Daten stützen kann.

Im Gespräch nach der Session haben wir den konkreten Nutzen für unsere Kunden, der sich durch Virtual Prototyping ergeben kann noch einmal zusammengefasst. Unser Fazit: Virtual Prototyping beschleunigt Innovation, senkt Kosten und macht Stakeholdern Entscheidungen ggf. einfacher. Ein virtueller Prototyp macht immer dann Sinn, wenn nicht ausreichend Daten über Kunden, Produkt und Kanäle vorhanden sind und man das Risiko senken möchte, Investitionen und Projekte in den Sand zu setzen.

3. Raus aus dem Prototypen-Dilemma!

Ein Prototyp im Bereich Softwareentwicklung dient allgemein dazu, Anforderungen und Vorstellung von Anwendern und mögliche Optionen zur Umsetzung frühzeitig zu definieren. In der Regel untersuchen Prototypen nur einzelne Aspekte einer komplexen Lösung. Prototypen können zum Beispiel User Interfaces demonstrieren, um sie von Anwendern testen zu lassen, ohne die darunterliegenden Funktionen technisch umzusetzen. Prototypen können aber auch ausgewählte Aspekte in ganzer Tiefe zeigen, indem man einen Teil des Systems von der Benutzerschnittstelle über alle Schichten der Architektur umsetzt.

Soviel zur Theorie. In der Agentur-Praxis, die Johannes Baeck in seiner Session beschrieb, hat ein Prototyp bislang aber mitunter vielfältige Jobs zu erledigen und richtet sich zudem an verschiedene Zielgruppen. Der Prototyp dient zum einen als Testgegenstand für User Research, gleichzeitig soll er der Ideen-Generierung für die Weiterentwicklung dienen oder sogar als Verkaufsargument vor dem Kunden (!). Und genau das ist das Dilemma. Denn es ist wahnsinnig schwer einen Prototyp zu bauen, der diese verschiedenen Aspekte miteinander vereint.

Johannes führte das am Beispiel der Entwicklung eines KI Assistenten für Radiologen aus. Der Prototyp sollte dort zwei Aufgaben erfüllen. Er sollte zum einen die Funktionalität des Systems durchspielen und zeigen, wie das System Daten zu bestimmten Fällen und Befunden analysiert und Diagnosevorschläge generiert. Zum anderen sollte aber auch die Benutzerfreundlichkeit der Oberfläche getestet werden.

Hier zeigte sich genau das oben beschriebene Dilemma. Das Durchspielen der Funktionalität erfordert quasi die komplette Implementierung eines einzelnen Funktionsbereiches des Prototyps in der gesamten Tiefe. Die Prüfung der Benutzerfreundlichkeit hingegen erfordert die Ausarbeitung fast der gesamten Benutzeroberfläche. Sein Vorschlag: zwei verschiedene Prototypen. Einer der in die Tiefe geht, und technische Funktionen durchspielt und ein Konzept-Prototyp, der an der Nutzeroberfläche bleibt, mit Fokus auf die User Journey.

Wir haben den Gedanken von Johannes für uns intern aufgegriffen und diskutiert. Für uns macht es schon Sinn, dann mehrere Prototypen zu bauen, wenn man sehr verschiedene Aspekte überprüfen oder demonstrieren will. Allerdings steigt dann natürlich auch der Aufwand für die Prototypenerstellung. Tools wie Sketch bieten aber mittlerweile Wege, diesen Aufwand ein wenig einzugrenzen. Mit solchen Tools kann man aus einem klickbaren Layout – dem sogenannten Konzept-Prototyp – auch eine HTML-Version extrahieren, mit der man z.B. einen User Test fahren kann.

4. Anforderungen an Design-Tools und Styleguides

Kathrin Friedrich von T-Systems Multimedia Solutions knüpfte an einen Grundgedanken an, der eigentlich die ganze Konferenz über immer wieder aufploppte und auch schon in der ersten Session über Fast Prototyping thematisiert wurde: Gute UX lebt von interdisziplinärer Arbeit und der Zusammenarbeit durchmischter Teams. Um hervorragende UX in agilen Projekten zu verankern, braucht man ihrer Empfehlung nach Design-Tools und Styleguides, die genau das möglich machen. Collaboration is king! - der Titel ihrer Session - brachte das auf den Punkt. Im Folgenden konkretisierte sie die Anforderungen an Design-Tools und Styleguides:

  • Dokumentation erleichtern
  • Zusammenarbeit unterstützen
  • Synergien nutzbar machen
  • Diskussionen ermöglichen
  • Modular erweiterbar sein

Ein grundsätzliches Ziel sollte sein, von starren PDF-Styleguides wegzukommen und Styleguides lebendig zu halten. Living Styleguides, Visual- und Codedriven Styleguides sollte man aber auch zusammenbringen können und die Dokumentation immer aktuell halten. Mögliche technische Lösungen sind zum Beispiel: Pattern Lab oder Frontify. Letztere wird übrigens auch von der Lufthansa genutzt, um teamübergreifend mit Styleguides zusammen zu arbeiten und letztendlich ein konsistentes Brand-Erlebnis zu sichern.
Wir gehen mit diesem Grundgedanken absolut mit und sehen uns agenturintern immer bestärkt, neue Formen der kollaborativen Zusammenarbeit auszuprobieren. Insofern gehen unsere Daumen hoch für die hier vorgestellten technischen Lösungen.

5. User Experience und die User Story 2.0

Die Liste unserer Konferenz-Highlights wollen wir mit einem Thema abschließen, das für unsere Arbeit aktuell besonders brisant ist. Es geht um User Stories und wie wir diese im Sinne unserer Kunden noch besser zum Tragen bringen können. Die Frage, die Thomas Immich von centrigrade in seiner Session in den gut gefüllten und schlecht klimatisierten Raum warf war: Wie kann man über ein größeres Projekt hinweg Nutzerzentrierung in allen Design- und Entwicklungsschritten kontinuierlich sicherstellen? Und was hat das jetzt mit User Stories zu tun? Viel, denn sein Lösungsvorschlag, der bei uns ziemlich großen Anklang fand, ist dieser: die Methode User Story 2.0 - das User Booklet. Und was genau ist das?
Ein User Booklet bildet eine User Story inkl. historischer Entwicklung über alle Phasen hinweg ab. Der Vorteil: der ganze Verlauf der User Story ist über eine ID abrufbar und am Wireframe verknüpft. So sind alle Beteiligten immer auf dem neuesten Stand und User-Zentrierung kann in jeder Konzeptions- und Umsetzungsphase kontinuierlich sichergestellt werden. Für uns ein wirklich interessanter Lösungsvorschlag, den wir bei der Weiterentwicklung unseres Konzeptions- und Design-Workflows auf jeden Fall auf dem Radar behalten werden.

User Story 2.0 - User Booklet

IA Konferenz 2018 in Berlin: zwei inspirierende Tage mit
Happy End

Mal davon abgesehen, dass Martin Wolf unsere Elena am Samstagmorgen während seiner aufrüttelnden Keynote über Change-Prozesse in Unternehmen aus heiterem Himmel angebrüllt hat und sie fast vom Stuhl geweht hätte, gab es am Ende trotzdem ein Happy End. Wir haben zwei inspirierende Konferenztage erlebt und viele interessante Denkanstöße für unsere Arbeit mitgenommen.
Zwei wesentliche Grundgedanken haben wir für uns festgehalten: Am Ende ist es besser erstmal einen Prototyp zu bauen, der als Testgrundlage dient, als mit einem umfangreichen Konzept zu starten, welches vorher nicht getestet werden kann. Workflows, Methoden und Tools, die interdisziplinäres Arbeiten im Erstellungsprozess von Prototypen möglich machen, zahlen am Ende auf hervorragende UX von Websites und den Erfolg unserer Kunden ein. Und das ist, was uns umtreibt.


Happy End auf der IA Konferenz Berlin 2018